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[ANSPRUCH I] - Die Tränen der Aufklärer

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Jeder kennt mindestens eine, vermutlich aber mehrere schillernde Persönlichkeiten die einem ständig unter die Nase reiben müssen, wie großartig ihr Fernsehgeschmack ist. Um größere Schäden an der eigenen Psyche zu vermeiden, sollten wir aber zunächst nur von einer Einzelperson ausgehen. Denn mehr als einen dieser hyperintellektuellen Kindergeburtstagsclowns hält der schlagkräftigste Grizzly nicht aus! Nennen wir ihn den "TV-Gourmet". Im 21. Jahrhundert ist der TV-Gourmet, ohne es zu merken, schon ein Widerspruch in sich. Schöngeistige Beschäftigung hat seit der flächendeckenden Versorgung mit Fernsehgeräte erfrischend wenig mit Schöngeistigkeit zu tun. Und DA haben wir es schon – das MUSS ES DOCH AUCH NICHT, ihr Tortenballerinas!

Das verräterische am TV-Gourmet ist, dass er einem grundsätzlich ERZÄHLEN muss, wie schöngeistig er ist. ICH WAR im Programmkino. ICH SCHAUE NUR 3Sat, arte, phönix und zdfInfo. ICH verzichte angeekelt auf so ziemlich alles, was RTL, Pro7 und Konsorten zu bieten haben, denn: ICH BIN ANSPRUCHSVOLL. Echt? Denken diese Rhesusäffchen eigentlich dass Goethe nach getanem Tageswerk in die Kneipe spazierte, drei Kurze bestellte und trompetet hat: "EY ALTER, ICH HAB heute TOTALLLLL COOOOLLLL Faust gebattled, Alter!"

Damit da keine Missverständnisse aufkommen: 3Sat, arte, phönix und zdfInfo sind KLASSE. Laufen in unserem Haushalt rauf und runter. Deshalb müssen wir aber dem Nachbar keinen Post-It an die Tür heften auf dem steht, wie SUPER-SOPHISTICATED unser Fernsehgenuss ist. Denn Teufel noch mal, der TV-Gourmet versteht nicht, dass es nicht auf das PROGRAMM ankommt. Es kommt einzig und allein auf das GEHIRN des ZUSCHAUERS an. Wenn man im Neandertalerstyle blökt, dass Pappi einem ein Stipendium an einer "renommierten Uni" besorgt hat, ist das kein Nachweis dafür, dass man geradeaus pinkeln kann. Im Gegenteil: Die Zeit, die man darin investiert, der Umwelt klarzumachen, wie großartig man ist, ist Zeit die einem bei jeder Form der sinnvollen Beschäftigung fehlt. Oaaaaahhhh, tooooollll, du bist unverdienterweise Stipendiat? HEUREKA! Dann geh LERNEN du umnachteter Trockennasenaffe!



Genauso verhält es sich aber mit dem Gegenteil. Der INVERTIERTE TV-Gourmet redet am besten NIE über seine Fernsehgewohnheiten, da sie ihm oft PEINLICH sind. Aber auch hier kann man die goldene Regel prima anwenden: Dummes Fernsehen macht einen Zuschauer nur dann dümmer, wenn er es ZULÄSST. Eine Dame oder ein Herr mit 2 Doktortiteln und einem halben Nobelpreis wird auch nach einer ganzen Staffel Dschungelcamp oder Bachelor zum Idioten. Wie soll das denn funktionieren? Wieso dürfen Menschen eines gewissen Bildungsstandes plötzlich kein Brot und Spiel mehr genießen?


 
Muss man denn TV-Gourmet oder "Secret RTL Watcher" sein, um "normal" zu sein? Meine Frau und ich schauen SOWOHL Privatsendergülle ALS AUCH interessante Beiträge anspruchsvollerer Sendehäuser. Und das ist keinerlei Problem. Wer Angst davor haben muss, durchs Fernsehen blöder zu werden, hat ein Problem ganz anderer Art. Vermutlich einen Knick im Selbstwertgefühl. Das muss nicht sein! Jeder Mensch ist GENAU SO GUT wie sein sinnvollster Beitrag zum Weltgeschehen. Und da man im Normalfall mindestens für ein oder zwei Dinge geschätzt wird, ist es wohl wenig tragisch, sich mal ein bisschen MITTEN IM LEBEN zu pressen.


 
Und am allerwichtigsten: Sollte Anspruch nicht etwas sein, das man für sich selbst entscheidet?
Wenn man die Dinge MÖCHTE, die man sich mit der Fernbedienung reinzieht, und sie einen zu allem
Überfluss sogar ein bisschen fröhlich machen, kann das dann verboten sein? Eine ehrliche Haut soll
lieber schauen, was sie will, und trotzdem dazu in der Lage sein ein angenehmes Gespräch zu führen.
Statt unangenehme Gespräche mit Selbstlob zu befüllen und zu Hause genau die Sender langweilig zu finden, die man angeblich STÄÄÄÄNDIG schaut. Und DAS ist auch der Grund, warum man DEINEN PKW, lieber TV-Gourmet, mit dem einzigen Kampfmittel einschmieren sollte, das eine gerechte Strafe darstellt. Mit


!!! TAUBENKOT !!!

Kommentare:

  1. Grandios und paradox, dass ich das kommentiere, weil ich gar kein solches Gerät besitze. Ich habe bis vor "anno-2-Monate-zu-mal" das schicke Flachbildteil rund 2 Jahre genutzt, 2 Jahre in seinem Ursprungskarton wieder verstaut und jetzt eben verschenkt.
    Hab ich was verspasst? Vielleicht jetzt nicht mehr, denn Ich folgen "Ihnen" :-)

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    1. Sehr geehrter Herr Glas,

      vielen Dank für Ihre aufrichtige Anteilnahme und einer andauernden Verfolgung!
      Zu Ihrem Entschluss, das Medienübertragungsgerät an Dritte weiterzugeben, kann ich Ihnen nur gratulieren: Der UNTERSCHIED zwischen TV-Besitzer und TV-Nichtbesitzer ist so mikroskopisch klein wie der deutsche Medienanspruch. Das einzige, was Ihnen dadurch passieren kann, ist Zeitersparnis - und die damit GEWONNENE Zeit können Sie dann widerum in Tätigkeiten investieren, die einem deutlich weniger Synapsen grillen. Das macht SIE zu einem GEWINNER! Und GEWINNER sind KLASSE!

      Ich empfehle mich.
      Ihr gefiederter Freund

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  2. Ich habe glücklicherweise keinen TV-Gourmet im Freundeskreis. Allerdings genügend Vertreter seiner Unterspezies, des Ich-schaue-alles-im-Englischen-Original-Hollywood-Hörigen. Manchmal komme ich mir vor als müsse ich mich schämen, weil ich mir die angeblich so grotten-schlechte deutsche Synchronisation antue. Fehlt eigentlich nur noch als Nazi beschimpft zu werden, weil man lieber Deutsch hört/liest.

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  3. Sehr geehrte Zedena,

    absolut. Leider gilt es schon als pöbelhaft, Synchros überhaupt nur in ERWÄGUNG zu ziehen. Von solchen pseudo-kultivierten Anschuldigungen muss man sich lossagen, denn da kann einfach nichts dahinter stecken. Von der Sprache, in der man sich etwas zu Gemüte führt, auf das Verständnis und den Anspruch des Zuschauers zu schließen ist total Gehirn-Bauschutt. Sich selbst treu bleiben, und die Sachen SO genießen, wie man es selbst möchte, ist meiner Meinung nach der einzig richtige Weg. Weiter so!

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